Winter Wonderland - Eine Bonusgeschichte zu Faith & Heartbeat

Es ist kurz nach Weihnachten. Für Miro und Lu war es das dritte gemeinsame Fest mit der Familie, für Alex und Nik das zweite.

Jetzt steht Silvester vor der Tür und die Clique hat sich einen ganz besonderen Wunsch erfüllt. Ein paar Tage fernab der Heimat, weg von Verpflichtungen jeglicher Art und einfach nur den Winter, das Leben, die Freundschaft und natürlich die Liebe feiern. 

Wir laden euch ein, alte Bekannte wiederzutreffen, ein Blick in "ihr Leben danach" zu werfen und mit uns gemeinsam den Countdown bis Weihnachten auch mit ein paar ruhigen Lesemomenten zu füllen.

Über Rückmeldungen jeglicher Art freuen wir uns wie immer sehr und vielleicht, ganz vielleicht, wartet irgendwann ja noch ein kleines Gewinnspiel auf euch.

Viel Spaß und eine wundervolle Vorweihnachtszeit

eure B.B. und Anke

Teil 1 - Wintersun (Niklas)

"Wow … verdammt, das ist ja noch viel besser als auf der Internetseite!", stelle ich wirklich beeindruckt fest und strahle Alex regelrecht an, als ich meinen Blick endlich von der großen Blockhütte lösen kann. Das sanfte Lächeln auf seinen Lippen erwärmt mein Herz und lässt mich nach seiner Hand greifen. Für ein paar Herzschläge sehe ich ihn einfach nur an und genieße den Ausblick. Wie er da steht, vor seinem großen schwarzen Pick-up mit den schneebedeckten Bergen im Hintergrund und den Sonnenstrahlen im Haar … der Anblick macht mir ein weiteres Mal klar, wie verdammt glücklich ich bin, mit meinem Leben, aber ganz besonders mit ihm, meinem großen, tätowierten Bären, der vielleicht doch eine winzige Spur des versprochenen Schmusebären in sich hat. Die aber natürlich nur ich zu Gesicht bekomme, das versteht sich von selbst.

 

"Komm schon, lass uns reingehen", unterbreche ich letztendlich die Stille zwischen uns, als ich es nicht mehr aushalte. Ich hibbele, sprühe vor Energie, was aber ja wohl auch kein Wunder ist, nach den gefühlt endlosen Stunden im Auto und den verdammt wenigen Pausen, die der Herr mir und auch Romeo - der die Fahrt allerdings größtenteils in seiner Transportbox auf dem Rücksitz verpennt hat - zugestanden hat. Ich weiß nicht, wann ich zuletzt so lange ruhig - auch wenn mein Mann bei der Bezeichnung vermutlich lachen oder wahlweise schnauben würde - gesessen habe. Klar, bei unseren zahlreichen Motorradtouren, aber da macht mir das lange Sitzen nicht so viel aus. Könnte an der Nähe zu Alex liegen oder daran, dass es heute fast nichts zu sehen gab. Die ganzen sechs Stunden, die wir bis hierher in die Berge Bayerns gebraucht haben, hat Nebel und Tristesse meine Aussicht beherrscht. Absolut nichts im Vergleich zu den Fahrten unter blauem Himmel und strahlendem Sonnenschein, die wir den Rest des Jahres mit dem Zweirad unternommen haben, wann immer es Alex' Zeitplan zuließ. 

Auch heute war er für mich wie der vereinzelte Sonnenstrahl, der durch die Wolkendecke bricht und ich genieße es wirklich, ihn anzusehen, aber sechs Stunden lang? Aber obwohl ich mich hier beschwere, muss man alles in allem doch sagen, dass wir eine gute Fahrt hatten. Es hätte regnen können oder sogar schneien, aber das hat es nicht getan. Noch dazu haben wir viel geredet, über Gott und die Welt, also … ich habe viel geredet, Alex hat sich … an dem Gespräch beteiligt, wenn es erforderlich war. Außerdem hat er sich sogar mit mir zusammen ein Hörbuch angehört, was ziemlich lustig war, denn das ist so gar nicht sein Ding, aber er hat es dennoch getan … für mich.

 

Es dauert fast eine halbe Stunde, bis wir den Pick-up entladen und alle Vorräte für das lange Silvesterwochenende verstaut haben. Ich war einverstanden, dass wir die Verpflegung kaufen und auch mit hierher nehmen, das war immerhin die logische Wahl, wenn man das große Auto und den Platz bedenkt, aber wenn es nach mir gegangen wäre, hätten wir mit dem Entladen auf die Anderen gewartet. Alex hat den Vorschlag mit einem Grinsen und Kopfschütteln abgetan, bevor er mir wie immer ruhig erklärt hat, warum er im Zweifel lieber alleine auslädt. Und ja, er hat natürlich recht! Wir wissen nicht, wann die Anderen hier ankommen und im Dunkeln ausladen, darauf haben wir alle wohl keine Lust. 

 

Das Zimmer, das ich für uns aussuchen durfte - wer zuerst kommt, malt ja auch bekanntlich zuerst -, entschädigt dann auch für die Arbeit und insgesamt bin ich nach wie vor einfach nur froh, dass wir es überhaupt geschafft haben, diesen Ausflug zu organisieren. Vorab hielten wir das für eine leichte Aufgabe, aber bereits zu Beginn der Planung wurde klar, dass es gar nicht so leicht wird, zehn Leute unter einen Hut zu bekommen.

"Romeo … bleib jetzt … Niklas, könntest du bitte mal deinen Hund …" Mein Grinsen, mit dem ich meine beiden Männer schon eine kleine Weile beobachte, wird zu einem leisen Lachen, als ich mich erbarme und vom Sofa aufstehe.

"Unseren Hund, mein Brummbär", korrigiere ich ihn sanft, während ich mir Romeo schnappe und mit dem kleinen Havaneser auf dem Arm neben Alex stehen bleibe und meine Finger durch sein glattes, dunkelblondes Haar gleiten lasse. "Ich habe schon mal erwähnt, dass ich sie länger besser fand, oder?" Ein Schmunzeln umspielt meine Mundwinkel, als er seufzt und ich schwöre, dass ich sehen kann, wie er die Augen rollt, auch wenn sein Blick fest auf dem Kaminfeuer ruht, das er inzwischen ordentlich in Schwung gebracht hat.

"Das ein oder andere Mal und ich habe dir versprochen, dass ich sie wieder wachsen lasse, aber ein bisschen Geduld brauchst du schon." Während er das für ihn leidige Thema zum gefühlt hundertsten Mal mit einer Engelsgeduld kommentiert, stellt er das Feuerschutzgitter zurück an seinen Platz und wendet sich dann mir zu. Natürlich steht ihm auch diese Frisur, diesen Mann kann einfach nichts entstellen, aber mir fehlt etwas, seit das eigentlich kinnlange Deckhaar seines Undercuts so drastisch gekürzt wurde, dass er es jetzt ohne Probleme zu einem etwas längeren Iro stylen könnte.

"Ich will nicht nerven, es ist nur …" Er unterbricht mich mit einem kurzen Kuss, nimmt mir dann Romeo ab, um ihn auf den Boden zu setzen und mich im nächsten Moment an seinen starken Körper und in seine Arme zu ziehen.

"Ich weiß, und es ist okay … ich liebe dich, auch mit deinen Macken." Sein Lachen lässt auch mich schmunzeln, obwohl ich eigentlich protestieren sollte … glaube ich. Jeglicher Gedanke an Protest wird ausgelöscht, als er mich erneut küsst. Dieses Mal ist es kein flüchtiger Kuss, sondern einer, für den er sich Zeit nimmt. Einer von der Sorte, der mich an seinen Lippen seufzen lässt, bevor ich meine Arme um seinen Hals schlinge und meine Lippen für ihn öffne. Ich liebe diese Küsse, die so viele Gefühle transportieren, ohne Eile und ohne Drängen, sich einfach in die Empfindung fallen lassen, die sich ganz langsam zu einer schwelenden Lust aufbauen. Mit Alex habe ich gelernt, dass Küssen nicht gleich Küssen ist. Natürlich wusste ich das schon vorher, aber mit ihm … ich hätte einfach nie gedacht, dass es so viele einzelne Facetten gibt. Nahezu jedes Gefühl lässt sich mit einem Kuss ausdrücken und wenn man dann noch all die schier grenzenlosen Möglichkeiten bedenkt, um einen Mann mit seinen Lippen um den Verstand zu bringen... 

Oh ja, Küssen ist eine riesengroße Spielwiese, auf der mein Brummbär sich bestens auskennt und ich ständig bestrebt bin, ihm in nichts nachzustehen.

 

Letztendlich haben wir uns nicht zu mehr hinreißen lassen, auch wenn ich gestehen muss, dass wir das Alex zu verdanken haben. Ich persönlich hätte nichts lieber getan, als mich mit meinem Mann in unser Schlafzimmer zu verkrümeln und die Zweisamkeit zu genießen. Immerhin wird es mit der bald für ganze vier Tage vorbei sein. Okay, für 3 Tage, wenn man den jeweils halben Tag für die Anreise heute, am 30.12., und die Abreise, am 2.1., abzieht. Aber natürlich hatte er mal wieder Recht, als er meinte, dass wir nicht genau wissen, wann die Anderen kommen und ich Romeo eine Runde im Schnee versprochen habe.

Die Ankunft der Anderen können wir nicht beeinflussen und um ehrlich zu sein, ist sie mir auch gerade reichlich egal, als ich mich Nase an Nase mit meinem Hund im Schnee befinde und herzhaft lache. Alex hat nicht viel seiner hervorragenden Überredungskunst gebraucht, um mich in meine Winterklamotten und raus in den Schnee zu bringen. Ich liebe es, wie die Sonne den Schnee zum Glitzern bringt. Ganz anders sah das dann schon bei Romeo aus, der den schier endlosen Massen an kaltem Weiß anfangs eher skeptisch gegenüberstand. Aber auch meinen kleinen Liebling hat er letztendlich überzeugt und jetzt genießt der das Toben im Schnee offensichtlich. Er jagt mit Eifer Schneebällen hinterher, die Alex für ihn wirft, oder leckt - wie jetzt gerade - mit seiner kleinen Zunge über meine Nasenspitze, was sogar meinen Eisbären schallend lachen lässt. 

"Vorsicht, Romeo, sonst klebt deine Zunge noch an seiner Eisnase fest." Oh ja, mein Großer hat ganz offensichtlich auch einen höllischen Spaß, selbst als ihm dieser Kommentar einen Schneeball beschert, der auf seiner Brust einschlägt. 

"Hör nicht auf ihn, mein Baby, er hat gar keine Ahnung, Daddy hat keine Eisnase", erkläre ich bemüht ernst, während ich Romeo hinter den Ohren kraule und dann die mir angebotene Hand ergreife, um mich von Alex auf die Beine ziehen zu lassen.

"Hmm, wenn du keine Eisnase hast … dann musst du Rudolf sein, so wie die leuchtet", wird mir resolut mitgeteilt, bevor er meine Nasenspitze küsst und dann - nach einem kurzen Stirnrunzeln - meine Wange. "Ich fürchte, du wirst bereits zum Schneemann! Du bist eiskalt, mein kleiner Flamingo. Wir sollten zurück zur Hütte gehen." Ich weiß, dass es nur bedingt eine Frage ist und auch wenn ich tierisch Spaß habe mit den beiden hier draußen, protestiere ich nicht, denn wenn ich mir zwei Augenblicke Zeit nehme, dann spüre ich die Kälte auch langsam.

"Okay, lasst uns drei zurückgehen. Vielleicht schaffen wir ja noch eine gemeinsame heiße Dusche, bevor die Anderen kommen." Ich lasse meine Augenbraue hüpfen und grinse ihn an, in der Hoffnung, dass es lasziv wirkt, aber er … starrt mich nur an.

"Was?" Ja, sein Blick verwirrt mich gerade und irgendwie überlege ich, beleidigt zu sein, weil mein Anmachversuch mal wieder am altbekannten Felsen abgeprallt ist.

"Du willst eine gemeinsame Dusche … mit mir und … Romeo?" Er klingt wirklich etwas angewidert, aber ich kenne ihn und … natürlich fängt er sich dafür einen Boxhieb ein, der allerdings dank seiner dicken Jacke und meiner Handschuhe nahezu wirkungslos bleibt.

"Du Arsch-Bär … schaffst es wirklich immer, die Stimmung vollkommen zu ruinieren."

"Sehr eloquent Herr Lehrer, aber warum ich? Du sagst doch diese irritierenden Sachen, nicht ich."

"Nein, ICH sage gar nichts Irritierendes, DU willst es nur so verstehen, und das ist nicht nett." Ich tippe bei meiner Aussage mit meinem - nach wie vor im Handschuh steckenden - Finger auf seine Brust, um meinen Worten Nachdruck zu verleihen und kassiere dafür nur ein freches Grinsen.

"Wie du meinst, kleiner Flamingo … Ganz wie du meinst!"

 

Als wir letztendlich wieder in unserem gemieteten Heim ankommen, waren wir über zwei Stunden unterwegs und die angedachte Dusche findet tatsächlich zu dritt statt, dafür allerdings nicht ganz so heiß, wie ursprünglich von mir geplant. Fast den kompletten Heimweg mussten wir - oder besser gesagt Alex - Romeo tragen. Der Schnee hat sich so sehr im Fell seiner Beine verfangen, dass er irgendwann gar nicht mehr laufen konnte. Das Mäntelchen hat ihm gute Dienste geleistet, aber um die Schneekugeln von seinen kurzen Beinen zu bekommen, mussten wir zu warmem Wasser greifen und da wir selbst auch recht durchgefroren waren … hat sich die Befürchtung meines Mannes letztendlich doch bewahrheitet.

Zum Glück scheint er unsere ménage à trois inzwischen so weit akzeptiert zu haben, dass er selbst mit der gemeinsamen Dusche seinen Frieden geschlossen hat. Jedenfalls wirkt er ziemlich zufrieden, als er neben mir auf der riesigen Wohnlandschaft sitzt, mit einem Bier in der Hand und mir in seinem Arm. Es ist so irre gemütlich, mit dem prasselnden Feuer im offenen Kamin, Romeo, der sich vor dem Schutzgitter des Kamins zusammengerollt hat, meinem heißen Kakao mit Sahne in der Hand und Alex starkem Körper, an dem ich lehne. So könnte ich das ganze Wochenende verbringen, einfach alles ausschließen außer unsere eigene kleine Familie. In solchen Momenten fühle ich mich einfach nur … angekommen, friedlich und beschützt. Ich liebe diesen Mann und unser gemeinsames Leben, mit all seinen Höhen und Tiefen. 

"Sie kommen!", verkündet Alex in genau dem Moment, als ich meine Gedanken mit ihm teilen will und ja, ich kann die Motorengeräusche auch hören. Er schenkt mir ein Lächeln, das ich erwidere und ihn doch daran hindere, aufzustehen.

"Bevor wir uns ins Getümmel und dieses sicherlich wahnsinnig tolle Wochenende stürzen …"

"Ich liebe dich auch, mein kleiner Flamingo!" Tja, damit - und mit dem unglaublichen Kuss, in den ich umgehend verwickelt werde - ist dann wohl alles gesagt. Wieder einmal bringt er meine meist recht ausschweifenden Gedanken auf den Punkt und ich genieße es, dass wir uns auch ohne Worte verstehen. So auch, als wir uns zusammen von der Couch erheben und zur Tür gehen, um sie zu öffnen und Hand in Hand unsere Freunde zu begrüßen, die - bis auf Lu und Miro - gemeinsam, eingepfercht in einen 7-Sitzer, angereist sind.

 

Ich schmiege mich nah an Alex, halte seine Hand und betrachte unsere Freunde, unsere Familie, wie sie an diesem wundervollen Fleckchen Erde ankommen. Während Jonas und Lea das Haus und die Umgebung bewundern, beginnen Max und Marvin bereits eine Schneeballschlacht, vor der sich Falk und Tina zu uns auf die Veranda retten. Schlagartig ist es mit der eben noch so genossenen Ruhe vorbei, aber das ist lediglich eine weitere Facette unseres Lebens. 

Einem Leben, an dem ich, auch nach eineinhalb Jahren, nicht das Geringste ändern würde, weil es in meinen Augen perfekt ist, genau so wie es ist. Es ist nicht perfekt, nicht immer zumindest, aber es ist unseres und wir dürfen es zusammen verbringen, wir dürfen es … LEBEN!

 
Teil 2 - All that I want (Miro)

"Kochanie, du weißt, ich liebe dich und würde mit dir bis ans Ende der Welt fahren, aber meinst du nicht, wir sollten doch mal langsam einen Einheimischen nach dem Weg fragen? Das Haus da drüben seh ich jetzt schon zum vierten Mal." Mein Mann ist ein typischer Vertreter seiner Gattung. Viel zu stolz, um jemand anderen nach dem Weg zu fragen, fährt man(n)  lieber den Tank leer. Aber mittlerweile ist offensichtlich, dass das Navi unser Ziel nicht finden kann, zumal die nette Damenstimme schon drei Mal verkündet hat: Sie haben Ihr Ziel erreicht. Vermutlich liegt unsere gemütliche Hütte außerhalb des Wirkungskreises des GPS. Laut Reisekatalog soll es ja auch romantisch und abgeschieden sein, so dass die Vermutung nahe liegt, dass wir an der Hauptstraße nicht fündig werden. 

Auf meinen Einwurf hin brummelt Lu allerdings nur unwillig vor sich hin und ich verliere langsam die Geduld. Wir sind nun schon einige Stunden unterwegs und ich will einfach endlich mal meine Beine wieder ausstrecken. Außerdem muss ich aufs Klo. "Komm schon, Lu, halt mal da drüben an, dann frag ich in der Tankstelle nach. Die wissen bestimmt, wie man da hin kommt." 

 

Und tatsächlich, 15 Minuten später parken wir neben Alex' Riesenschiff vor unserem Zuhause für die nächsten drei Tage. Und nochmal 3 Minuten später, wir sind gerade ausgestiegen und ich strecke mich, dass die Knochen nur so krachen, kommt uns Romeo laut bellend auf seinen kurzen Beinchen entgegen gerannt. Ich liebe diesen Hund, weil er einfach so wahnsinnig niedlich ist und scheinbar beruht es auf Gegenseitigkeit. Denn jedes Mal, wenn wir Niklas und Alexander besuchen, werde ich von dem kleinen Fellknäuel belagert, womit er sich sofort in mein Herz geschmust hat. Aber an Bella kommt er nicht ran. Die hat einen Extra-Platz in meinem Herzen und ich vermisse sie schrecklich. Vor allem in den letzten Tagen haben mir ihre ruhige Art und unsere langen, einträchtigen Spaziergänge tierisch gefehlt. Aber ich musste einsehen, dass Lu mal wieder Recht hat und die lange Reise für Bella einfach nur Stress bedeutet hätte. 

"Na, du kleiner Herzensbrecher?" Ich hatte noch nicht richtig Zeit, den Hund zu begrüßen, da fegt ein blonder Wirbelwind über den Schnee und wirft sich in meine Arme. 

"Ich hab dich soooo vermisst", schreit mir Lea regelrecht ins Ohr und ich zucke kurz zusammen, bevor ich meine Arme fest um sie schlinge. Ich hab lange gebraucht, um mich an ihre Berührungen zu gewöhnen und Lea hatte verdammt viel Geduld mit mir. Aber mittlerweile … ich vermisse wirklich etwas, wenn dieses quirlige Energiebündel nicht da ist. 

"Ich dich auch", flüstere ich ihr zu, während Max, Jo und Nik im Türrahmen um den besten Platz kämpfen und Alex uns von irgendwo hinter ihnen zuruft, dass wir endlich rein kommen sollen, der Ofen solle schließlich nicht den Garten heizen. Ach, was hat mir diese Chaostruppe die letzten Tage gefehlt! Ich werfe Lu über Leas Schulter einen Blick zu und er nickt nur. Weiß genau, was gerade in mir vorgeht.

"Krieg ich keine anständige Begrüßung, Schwesterchen?", beschwert er sich gespielt und sorgt so dafür, dass ich ein wenig Freiraum bekomme. Und während Lu unser Gepäck auslädt und die anderen begrüßt, gehe ich ein paar Schritte mit Romeo durch den im Mondlicht glitzernden Schnee, um wieder runter zu kommen. Zum Glück ist unsere Clique mittlerweile an meine Seltsamkeiten gewöhnt, so dass sie sich nicht wundern, dass ich nicht gleich mit rein komme. 

 

"Es war gut. Seine Mom war fast vor einem Herzinfarkt. Ist halt doch was anderes, ihn live vor sich zu haben und nicht nur zu chatten oder zu skypen."

"Das kann ich mir gut vorstellen. Die arme Frau hat ja einiges mitgemacht."

"Das kannst du laut sagen. Ich bin so wahnsinnig stolz auf Miro, dass er die Therapie und jetzt auch den Besuch bei seinen Eltern durchgezogen hat. Ich weiß, wie verdammt schwer im beides gefallen ist und wir hatten, wie du weißt, oft genug Krach deswegen. Aber Alex, du hättest sie sehen sollen! Sie waren so glücklich!"

"Und wie ging es Miro damit?" 

"Gut … Ich denke wirklich, dass es ihm gut geht. Er braucht wohl noch ein bisschen, um es zu verdauen. Aber ich bin zuversichtlich. Der erste Schritt ist getan und vielleicht feiern wir nächstes Jahr alle zusammen. Mal sehen." 

"Das wäre schön", verkünde ich, als ich zu Lu und Alex in die Küche stoße. Ja, ich weiß, dass sie über mich geredet haben und manche Menschen würden sich vielleicht darüber ärgern. Aber ich weiß, dass Lu ab und an jemanden braucht, um sich Rat zu holen oder auch einfach nur mal Dampf abzulassen und Alex ist einfach ein toller Freund. Immer für ihn da und jederzeit ein offenes Ohr. Für mich natürlich auch. Das hat er mir extra gesagt. Ich kann allerdings nicht aus meiner Haut und begegne dem großen Kerl immer noch ein wenig distanziert. 

Fest schmiege ich mich an Lus Seite, der auch gleich einen Arm um mich legt und mich noch ein bisschen näher zieht. 

"Ich hab Romeo übrigens bei Nik abgeladen. Dann können die beiden Frostbeulen zusammen zittern", teile ich Alex kichernd mit. Niklas und der Winter, das sind zwei Worte, die einfach nicht zusammenpassen. 

 

Eine zeitlang haben wir uns noch über den Besuch bei meinen Eltern unterhalten, der wirklich um einiges besser gelaufen ist, als ich vermutet hatte. Meine beiden Schwestern sind total niedlich und gleichen sich wirklich wie ein Ei dem anderen. Irgendwie finde ich es süß, dass ich tatsächlich Zwillingsschwestern habe. Am Anfang waren sie genauso zurückhaltend wie ich, aber scheinbar sind alle jungen Mädchen gleich, denn nach und nach sind sie aufgetaut und haben mich dermaßen voll geplappert, dass mir fast die Ohren geblutet haben. Haben mich tierisch an Lea erinnert. 

Meine Mom … was soll ich sagen. Blut scheint irgendwie doch dicker als Wasser zu sein. Hatte ich Lu unterwegs noch gesagt, dass ich weder Umarmungen noch Küsschen oder sowas haben will, weil ich nicht weiß, ob ich das aushalte, so war das alles vergessen, als sie vor mir stand. Sie reichte mir gerade mal bis zum Kinn und nach anfänglichem Zögern und einem endlosen Tränenstrom hat sie mich irgendwann einfach ganz sanft in die Arme genommen, gab mir also die Möglichkeit, jederzeit zurück zu rudern. Das fühlte sich verdammt gut an und … sie roch so gut. Ich schmiegte mein Gesicht in ihre grau gesträhnten Haare, strich ihr beruhigend über ihren bebenden Rücken und war doch innerlich immer noch total angespannt. Trotz allem war sie mir fremd und mit fremden Berührungen komme ich immer noch nicht richtig klar. Ein Blick über ihre Schulter zu Lu, der wie selbstverständlich immer in meiner Nähe war, hat mir die nötige Kraft gegeben, diesen Moment durchzustehen, ohne sie von mir zu schubsen. Allerdings war ich froh, als es vorbei war und ich wieder zu meinem Mann, meinem Zuhause, meinem sicheren Hafen flüchten konnte. 

Wir haben ganz viele Gespräche geführt. Oder besser gesagt, sie hat geredet und währenddessen in der Küche rum gewuselt und wir haben ihr zugehört. Sie hat erzählt von dem Tag, als ich nicht nach Hause kam. Von ihrer Angst, der Verzweiflung und meinem Vater, der nichts unversucht gelassen hat, mich zu finden. Auch von Maja und Kaja, die ihren großen Bruder vermisst haben. Und von ihrer Hoffnung, dass ich irgendwann doch wieder nach Hause komme. Ich bin hier, habe den Schritt endlich gewagt, aber Zuhause … nein, das fühlt sich für mich anders an. Zuhause ist im Saarland, bei Lu und seiner Familie und natürlich Bella. 

Meine Mutter hat mir endlose Fragen gestellt. Wie es mir geht, was ich zukünftig machen will, ob ich glücklich bin und noch vieles mehr. Sie fragt nicht mehr nach der Zeit … nach meinen Erlebnissen. Diesen Zahn hab ich ihr gleich gezogen, als ich mich zum ersten Mal mit meinen leiblichen Eltern in Verbindung gesetzt habe. Ich will den Scheiß endlich hinter mir lassen. Ich spreche mit Lu und mit der bescheuerten Therapeutin. Ich brauche nicht noch jemanden, der in meinen Wunden herum stochert. Vor allem, weil ich es immer noch nicht geschafft habe, ihnen vollends zu vertrauen.    

Mein Dad … was soll ich sagen … es ist unfassbar, wie ähnlich wir uns sind. Er sieht aus wie mein älteres Ich und auch sonst gleichen wir uns total. Genauso maulfaul und skeptisch wie ich. Aber auch wir haben uns angenähert. Nachts … vor dem Haus ... auf einer Bank. Wir haben kein Wort gewechselt, nur gemeinsam den Himmel beobachtet. Irgendwann hat er mir seine schwielige Hand auf den Oberschenkel gelegt und geräuschvoll die Nase hochgezogen. Ich hab es nicht geschafft, ihn anzusehen. Ich hab nur genickt, mir über die feuchten Augen gewischt und bin dann zurück zu meinem Mann ins Bett gekrochen.  

Seltsamerweise hatten meine Eltern mit meiner sexuellen Orientierung überhaupt kein Problem und haben Lukas sofort ins Herz geschlossen. Wenn man sein Kind verloren hat, ist wohl einfach egal, mit wem es vögelt, wenn es nur wieder nach Hause kommt. 

 

Irgendwann haben wir dann allerdings den Rest der Bande zusammen getrommelt und uns gemeinsam um unser leibliches Wohl gekümmert. Wobei Lu und ich froh sein können, dass wir nicht allein in der Küche standen, denn sonst wäre das Chilli con Carne wohl ein Desaster geworden. Kochen können wir beide nicht und haben auch kein Interesse daran, es zu lernen. Eines meiner schlagenden Argumenten, warum wir uns keine eigene Wohnung suchen sollten, dem Lu sich nicht verschließen kann. Er liegt mir schon seit Wochen damit in den Ohren, dass wir uns doch ein eigenes Nest suchen könnten. Ich fühl mich allerdings bei den Kellers pudelwohl und so ist diese Diskussion noch nicht zu Ende geführt. Auf jeden Fall war das Chilli ein voller Erfolg. Scharf und deftig, so wie ein Chilli eben sein muss, war es schneller verspeist, als gekocht und die Frage, wer die Küche aufräumen muss, hat wieder für heftige Diskussionen gesorgt. Am Ende haben sich Alex und Nik erbarmt. Alex, weil er wohl einfach der Vernünftigere unseres Sauhaufens ist und Nik, weil er seinen Mann nicht allein lassen will. Außerdem kann man Alex so schön unsittlich befummeln, wenn er die Hände tief im Spülwasser stecken hat. Niks Worte … nicht meine. 

 

Mittlerweile befinden wir uns bei der zweiten Runde Activity und Max versucht gerade, mit Händen und Füßen einen Begriff zu erklären. Lu und ich durften leider nicht zusammen in ein Team. Marvin war der Meinung, das wäre ungerecht, weil wir uns eh ohne Worte verstehen. Das war ein verdammt schönes Kompliment, finde ich, und macht mir die Sache, dass ich mit Marvin, Lea, Niklas und Tina in einem Team bin, um einiges schmackhafter. Und ich muss sagen: Die Mädels sind verdammt stark und wir führen mittlerweile mit drei Punkten. 

"Oh Mann, du siehst aus, als wolltest du einen Schwarm Wespen vertreiben. Wie soll man denn da was erraten können?", meckert Jo den armen Max an, der wirklich vollen Körpereinsatz zeigt. 

"Ich weiß nicht, für mich sieht das eher aus, als müssten wir den Notarzt rufen. Epilepsie kam bisher in unserer Familie zwar noch nicht vor, aber es gibt immer ein erstes Mal", steigt nun auch noch Alex mit einem fachmännischen Gesichtsausdruck in das gutmütige Gefrozel ein. 

"Rumpelstilzchen. Ganz klar Rumpelstilzchen!", ruft Lu lachend in die Runde, obwohl er genau weiß, dass der Begriff aus dem Bereich "Berufe" stammt und mir nicht bekannt ist, dass Rumpelstilzchen ein Lehrberuf wäre. 

"Leute, es geht hier nicht darum, wie man Max am besten fertig macht, sondern einen Beruf zu erraten. Auch wenn er es uns echt nicht leicht macht", versucht Falk, der Besonnene in der Gruppe, alle wieder auf den ursprünglich Zweck von Max' Hampelei zu konzentrieren. 

"ICH würde es ja mal mit Fluglotse versuchen …", wirft Lea obercool in den Raum, woraufhin sich neun Köpfe zu ihr umdrehen. 

"Geht doch!", freut sich Max. 

Tina, Marvin, Nik und ich beschweren uns bei ihr, dass sie doch den Anderen nichts vorsagen soll und der Rest unserer Truppe glotzt sie nur an, als wäre sie eine goldene Kuh, während Lea nur nonchalant auf die Sanduhr zeigt, die schon längst durch gerieselt ist. 

 

So und noch schlimmer, je später der Abend und je höher der Alkoholkonsum wurde, trug sich der ganze Abend zu. Man könnte also sagen, dass wir verdammt viel Spaß hatten und meine Lieblingsmenschen es wirklich geschafft haben, mich ein paar Stunden von dem Treffen mit meinen Eltern und meinen Geschwistern abzulenken. Jetzt liege ich allerdings neben meinem Mann im Bett, kann nicht einschlafen, weil sich die Gedanken drehen und starre an die Decke. Lu schnarcht selig vor sich hin und ich bin mir sicher, nicht einmal eine Horde Elefanten, die laut trompetend durch unser Zimmer rasen, könnte ihn jetzt aufwecken. Schließlich hat er bedeutend mehr getrunken, als gut für ihn ist und morgen früh wird er noch muffeliger sein, als er das sowieso schon ist. 

Ich drehe mich zur Seite, stütze meinen Kopf in die Hand und beobachte seine entspannten Gesichtszüge. Das Mondlicht, der Schnee und die fadenscheinigen Gardinen sorgen dafür, dass ich ihn überhaupt sehen kann. Er sieht so friedlich und zart aus, dass ich nicht widerstehen kann, mit meiner Fingerspitze über seine rechte Augenbraue zu streichen. Wach wird er davon nicht, aber ich entlocke ihm ein Murmeln und seine Hand begibt sich tastend auf die Suche. Kichernd weiche ich der Hand immer weiter nach hinten aus, verschränke jedoch kurze Zeit später unsere Finger miteinander, was Lu mit einem wohlwollenden Schmatzen und Brummen kommentiert. Wenn ich den Kerl nicht schon so schrecklich lieben würde, wäre es spätestens jetzt um mich geschehen. Mit einem Lächeln auf den Lippen hebe ich seinen Arm an und schmiege mich seufzend an seine Brust. Über was mache ich mir eigentlich Sorgen? Ich hab eine tolle Familie, geniale Freunde und einen Mann, der immer für mich da ist. Und ganz ehrlich: Mit Lu an meiner Seite schaffe ich ALLES!

 
Teil 3 - Sleigh Ride (Lukas)

Silvestermorgen, 10:23 Uhr, eine gute Zeit um aufzustehen, besonders, wenn man alleine in einem Bett aufwacht, in dem man Stunden zuvor noch eng an einen warmen Körper geschmiegt eingeschlafen ist. Ich bin ein Morgenmuffel, behauptet mein Babe immer mit einem liebevollen Lächeln, und ich kann das nicht einmal abstreiten. Allerdings macht es die Tatsache, dass ich nahezu jeden Morgen allein aufwache, nicht gerade besser. Laut Miro würden sich seine Mittel und Wege, mich früher und besser gelaunt aus dem Bett zu bekommen, zu sehr abnutzen, wenn er seine speziellen Methoden nicht für "ganz besondere Anlässe" aufspart. In meinen Augen ist das absoluter Humbug, aber bisher konnte ich IHN von meiner Ansicht noch nicht überzeugen.

Also heißt es auch heute Morgen alleine aufstehen, die unabdingbare Morgenroutine hinter mich bringen und dann erst einmal in eine Jogginghose und ein T-Shirt schlüpfen. Für meinen morgendlichen geistigen Zustand ist das schon eine wahre Meisterleistung und so schlurfe ich nur wenige Minuten später gähnend und mit den Fingern meine Haare bändigend in den großen Wohnbereich, immer den Stimmen nach. Zum Glück habe ich, trotz des nicht unerheblichen Alkoholkonsums am letzten Abend, keinen dicken Kopf, sonst würde ich mir das hier definitiv ersparen und wäre einfach im Bett geblieben. Ich liebe meine Freunde, aber in einer solch geballten Ladung und dann noch am frühen Morgen … Sorry, dass ich das so sagen muss, aber sie sind bereits im Normalzustand eine gehörige Herausforderung.

 

Die Augen auf Halbmast, aber mit einem Lächeln auf den Lippen, betrachte ich für einen Moment die Szenerie, die sich mir bietet. Alle sitzen noch zusammen am reich gedeckten Frühstückstisch und unterhalten sich. Okay, Tina, Falk, Lea, Jo und Miro unterhalten sich, während Marvin, Max und Niklas ganz offensichtlich über irgendetwas zanken. Für mich ist ganz klar, welche Ecke des Tisches ich ansteuere und das nicht nur, weil mein Mann dort sitzt und just in diesem Moment mit einem Lächeln zu mir aufsieht. Ich spüre, wie mein Lächeln automatisch etwas breiter wird und beuge mich - kaum bei der illustren Runde angekommen - für einen Kuss zu ihm runter.
"Na, ausgeschlafen?", begrüßt er mich mit sanfter Stimme und streicht mir durchs Haar, nachdem ich mich auf dem Stuhl neben ihm niedergelassen habe. Jo schiebt mir währenddessen eine Tasse Kaffee vor die Nase und ich brumme ein "Danke", ebenso wie das "Ja" und "schon wieder alleine". Sie werden schon wissen, was davon an wen gerichtet ist.

 

Niklas bricht am anderen Ende des Tisches in schallendes Gelächter aus und sorgt so dafür, dass ich nicht nur zusammenzucke, sondern auch um ein Haar meinen Kaffee verschütte. Mein missmutiger Blick richtet sich auf ihn und mir wird klar, dass ich der Auslöser seiner heiteren Stimmung zu sein scheine. Juhu!

Noch bevor ich ihn allerdings anraunzen kann, öffnet sich die Eingangstür und es schießt ein schwarzer Blitz in die Bude, gefolgt von einem Alex, der sich gerade Schnee von der Jacke und aus den Haaren schüttelt.

"Verdammte Scheiße, es hat schon wieder geschneit", verkündet er brummend, während bei mir der Schwung kalter Luft ankommt, den die beiden mit reingebracht haben.

Niklas schüttelt den Kopf, gluckst vor sich hin und geht - mit Romeo, den er inzwischen auf seinen Arm genommen hat - zu Alex hinüber.

"Ich weiß wirklich, warum ihr zwei so gute Freunde seid", erklärt er dabei und sieht erstaunlicherweise von Alex zu mir und wieder zurück zu seinem Mann. Da wir keine weitere Erklärung bekommen, sondern er sich lieber an Alex' Lippen heftet, sehe ich mit gehobener Braue zu Miro. Der wiederum versucht ganz offensichtlich, nicht ebenfalls laut loszulachen und zuckt nur die Schultern. Ein weiterer Blick in die Runde sagt mir, dass den Witz wohl jeder am Tisch verstanden hat außer mir, was mich … natürlich … nur brummen lässt. Ich bin morgens nicht bereit für so einen Scheiß!

 

Unnötig, genauer auszuführen, wie witzig das alle fanden und dass es bei Niks Kommentar um den gemeinsamen Brummbär-Faktor von Alex und mir ging. Was ich natürlich erst nach einer gefühlten Ewigkeit aus meinem Mann herausbekommen habe. Das einzig Positive an der ganzen Sache war, dass Alex die Welt genauso wenig verstanden hat, auch wenn es bei ihm wohl am fehlenden Zusammenhang lag.

 

Jetzt, gute vier Stunden später, haben wir das Mittagessen hinter uns und alles für heute Abend vorbereitet. Standesgemäß wird es Raclette und Fondue geben, was schnell vorbereitet und über den ganzen Abend zu ziehen ist. Die Raketen, Kracher, Batterien und Wunderkerzen stehen bereit, um pünktlich um Mitternacht den hoffentlich klaren Himmel zu erleuchten. Ich versuche weiterhin, daran zu glauben, auch wenn heute den ganzen Tag schon fette Schneewolken über dem gesamten Berg hängen und einige von uns fürchten, dass sie noch mehr von ihrer weißen Pracht auf uns niedergehen lassen.

 

Für den Moment aber hält das Wetter und wir stapfen alle zusammen durch den dicken Schnee. Die Stimmung ist größtenteils ausgelassen, nur Marvin und Max - die natürlich NICHT die passende Kleidung für diese Unternehmung mithaben - sind nach wie vor nicht von unserem Ausflug überzeugt. Zum Glück hat Alex heute Morgen im Schuppen diese wahnsinns Teile gefunden. Uralte Holzschlitten, in ziemlich gutem Zustand standen an der hinteren Wand des Schuppens und luden uns förmlich zu einer guten alten Schlittenpartie ein. Er hat sie mir gezeigt, als wir zusammen auf die Jagd nach Feuerholz gegangen sind - hauptsächlich um der heiteren Brummbär-Diskussion aus dem Weg zu gehen - und wir waren uns sofort einig. Auch, weil unsere Männer anfangs so geschockt reagiert haben wie Max und Marvin. Rache muss eben doch manchmal sein. 

Nur haben unsere beiden sich recht schnell gefangen und waren letztendlich, wie der Rest unserer Gruppe, Feuer und Flamme für die Idee.

 

"Müssen wir noch weit latschen?" Ich kann nur mit den Augen rollen, man glaubt manchmal echt nicht, dass Marvin bald 29 wird. Der Kerl kann schlimmer sein als jedes Kleinkind. Max auch, aber der ist ja auch noch fast ein Baby, oder … zumindest näher dran als unser werter Gitarrist.

"Jammer nicht und lauf weiter. Es ist nur noch ein Stück, dann sollten wir an der Piste sein, oder, Alex?" Ein Nicken beantwortet meine Frage und ich grinse zufrieden, bevor ich zu meinem Babe sehe, der an meiner behandschuhten Hand zupft.

"Glaubst du, er ist sich im Klaren, dass er den Berg immer wieder hoch muss?" Seine leise Stimme klingt verschwörerisch und sein verstecktes Schmunzeln unterstreicht den Schalk in seinen Augen. 

"Muss ich darauf wirklich antworten?" Ich zwinkere ihm zu, stehle mir einen schnellen Kuss von den verführerischen Lippen und sehe dann zu unseren beiden Nörglern, als Miro ein leises Kichern nicht mehr zurückhalten kann und ein "Nein" murmelt. Wir kennen die Antwort, wie vermutlich jeder von uns, und irgendwie freue ich mich schon auf den Moment, wenn den Beiden die Erkenntnis dämmert. So ein Schlitten fährt eben - selbst bei all der Technik - noch nicht von selbst den Berg hoch. Ist aber auch fies von Alex und Niklas, einfach einen Hang auszuwählen, der in der Nähe unserer Hütte liegt und auf dem sie wohl schon einige Leute mit Schlitten gesehen haben während ihres gestrigen Spaziergangs. Dumm nur - und das wissen eben nicht alle von uns -, dass es sich dabei um keine ausgewiesene Piste handelt und man einen Lift oder Ähnliches vergebens sucht. Uns, also allen Eingeweihten, war das egal, immerhin kennen wir es ja nicht anders und irgendwie gehört das Berg hochstapfen doch zum Spaß dazu.

 

"Oh, das wird so cool, Leute", verkündet Lea, als wir endlich an unserem Ziel ankommen und tatsächlich befinden sich schon einige Leute auf der provisorischen Piste. Die meisten davon sind Kinder, aber auch einige Erwachsene stürzen sich auf Schlitten, Reifen oder sonstigen Utensilien ins Getümmel. Es herrscht ein buntes und reges Treiben, das die ganze Truppe anzustecken scheint. Selbst Tina, die sonst eher ruhig und erwachsen daherkommt, scheint zum Kind zu mutieren, denn sie ist eine der Ersten, die Falk den Berg hinauf zerrt und zur Eile antreibt. Wobei der seine Freundin zur Vorsicht ermahnt.
Ich kann nur wieder einmal lachend den Kopf schütteln und bin wirklich froh, dass wir diesen kleinen Tripp machen. Wir haben in den letzten Jahren ein strammes Programm absolviert und das hier leitet unsere erst einmal ruhigere Phase ein. Wir haben jetzt bis in den März komplett frei, dann wollen wir uns an die letzten Songs fürs neue Album setzen und Mitte des Jahres geht es dann ins Studio. Der Zeitplan ist locker gesteckt, denn die meisten Songs, ja sogar das ganze Arrangement für die Platte, stehen schon größtenteils. Aber das muss ja keiner wissen, also … keiner außer uns zumindest.

"Hey … wo bist du mit deinen Gedanken?" Miros Stimme sorgt dafür, dass ich mich wieder auf das hier und jetzt konzentriere und ich schenke ihm sofort wieder ein Lächeln.

"Ich bin hier, bei dir, aber mir wurde gerade wieder bewusst, dass wir jetzt eine ganze Weile einfach nur Urlaub und eine ruhige Zeit vor uns haben. Das hatten wir so … noch nie." Das stimmt, so lange frei und fast ein halbes Jahr, weder Tourstress, noch Tonstudio, ich weiß nicht, wann wir das zuletzt hatten. Seit ich mit Miro zusammen bin jedenfalls noch nie. Es wird in dieser Zeit auch nur sehr wenige Termine geben, das war uns wichtig. Selbst unser Ritual, das Konzert in Saarbrücken, haben wir in diesem Jahr für diesen kleinen Ausflug abgesagt und um ganz ehrlich zu sein … es fühlt sich verdammt gut an. Einfach mal wieder Zeit für uns, eine ganz normale Clique sein, frei von allen Verpflichtungen.

"Naja, zumindest zwei von uns werden im neuen Jahr eine neue Verpflichtung bekommen." Ich wende meinen Kopf erneut Miro zu und mir wird bewusst, dass ich die letzten Worte wohl laut ausgesprochen habe. Ich erwidere sein Lächeln und sehe dann erneut zur Piste. Mein Blick heftet sich an Falk, der den Schlitten zieht und seinerseits von seiner Freundin den Berg hochgezogen wird. Sie sind noch ziemlich am Anfang, aber Miro hat recht und sie werden in diesem Jahr noch eine neue "Verpflichtung" bekommen. Eine, von der ich weiß, dass sie sie ganz bewusst eingehen und sich wirklich darauf freuen. Wir alle freuen uns darauf! 

Unsere Clique wird größer, die Familie wächst und wir alle werden, wenn der Zeitplan denn stimmt, im Mai Onkel und Tanten sein. Das ist schon ziemlich cool, wenn auch nach wie vor noch etwas surreal. Verdammt, wir haben doch gestern noch in Marvins Keller Katzenmusik gemacht, wilde Partys gefeiert und von der ganz großen Karriere geträumt. Wie sind wir so schnell erwachsen geworden? So erwachsen, dass einer meiner besten Freunde bald Vater wird?

"Sie werden tolle Eltern sein!" Es ist eine leise Feststellung und das Lächeln auf den Lippen meines Babes zeigt, wie sehr auch er sich freut, dennoch bin ich mir nicht sicher, was da gerade in seiner Stimme mitschwang. Wir sind alleine zurückgeblieben, alle anderen erklimmen den Hügel oder stürzen sich sogar schon hinunter. Wir werden ihnen sicher gleich folgen, aber jetzt, für diesen kurzen Moment, ist der Schlitten erst einmal vergessen. Ich lasse die Schnur fallen, ziehe mein Babe in meine Arme und küsse ihn auf die Stirn. 

"Das werden sie sein und wir alle werden sie unterstützen." Jetzt gilt sein Lächeln ganz mir und ich spüre dem zufriedenen Gefühl in mir nach, das ich immer habe, wenn ich ihn in meinen Armen halte, oder er mir auch nur dieses wundervolle Strahlen schenke. 

 

Miro ist oft ein offenes Buch für mich, aber in solchen Momenten sind seine Gefühle dafür umso schwerer zu lesen. Manchmal bin ich mir gar nicht sicher, ob er selbst immer weiß, was genau in ihm vorgeht. 

Es wäre vermessen, zu behaupten, dass er all seine Dämonen besiegt hat, aber ich bin dennoch so unglaublich stolz auf ihn, denn er hat sie zumindest an die Kette gelegt und in einen Käfig gesperrt, der sich wiederum in einem dunklen, sehr dunklen Winkel befindet. So stelle ich mir das zumindest vor, oder habe es mir so vorgestellt, jedesmal, wenn er mir von seiner Therapie, den einzelnen Schritten und seinen Erfolgen erzählt hat. Es war wirklich ein harter Kampf, ihn von einer Therapie zu überzeugen, wir hatten den ein oder anderen Streit deswegen, aber letztendlich hat er zugestimmt … für mich, zumindest anfangs, das weiß ich. Deswegen war ich auch immer an seiner Seite, so lange und so oft ich es sein musste und dann, wann immer ich es sein durfte. Die Therapeutin war toll und ich bin meiner Mom noch heute verdammt dankbar, dass sie die Richtige für Miro gefunden hat.

Sie stehen nach wie vor in Kontakt, wann immer er ein Gespräch außerhalb der Familie braucht oder wenn die Dämonen in ihren Käfigen laut werden. Ich weiß, dass sie auch noch einmal vor dem Besuch bei seinen Eltern ausführlich geredet haben. Er hat mir allerdings versichert, dass es dieses Mal ganz allein meine Anwesenheit war, die ihn das hat durchstehen lassen und ich gebe zu, dass mich das verdammt stolz macht. Ich bin gerne stark für ihn, auch wenn er das weit weniger braucht, als er selbst denkt. Nach wie vor sieht Miro seine eigene Stärke nicht immer ganz klar, aber das ist okay, denn ich bin da, um es ihm immer wieder zu sagen und vor Augen zu führen. 

Es klingt kitschig und ich hätte nie im Leben gedacht, dass ich das mal denken oder gar sagen würde, aber Miro ist die Liebe meines Lebens und er weiß es. Er weiß, dass er mich glücklich macht, dass ich das alles hier noch ein großes Stück mehr genieße, weil ich ihn an meiner Seite habe. Ich liebe den wilden Haufen da am Berg, ich liebe meine Schwester, meine Eltern … unsere ganze Familie, aber erst mit ihm habe ich das fehlende Puzzleteil gefunden, das alles einfach rund macht. Miro hat mich erwachsen werden lassen, zu einem Zeitpunkt, an dem ich nichts weniger wollte und doch war es - rückblickend betrachtet - das Beste, was mir passieren konnte. Ich glaube nicht, dass ein anderer Mann, jemand, der mich weniger gefordert, der mir weniger abverlangt hätte, je meine ungeteilte Aufmerksamkeit bekommen hätte. Miro war einfach da, er wollte es gar nicht, aber ist so schnell in meinen Fokus gerückt, dass ich das, was er in mir ausgelöst hat, die Gefühle, gar nicht habe kommen sehen. Naja, zumindest nicht, bis es längst zu spät war.

Wir hatten einen … nennen wir es turbulenten Start, haben ein aufregendes, meist schnelles Leben und wir genießen es in vollen Zügen, aber jetzt … hier und in solch ruhigen Momenten, in unserem gemeinsamen Alltag, wird mir besonders bewusst, was für ein verfluchter Glückspilz ich bin. Wir sind nicht die Typen zum Heiraten und ja, wir haben tatsächlich darüber gesprochen. Aber wir sind uns einig, dass es nichts für uns ist. Es ist toll, dass wir inzwischen die Möglichkeit haben, aber wir brauchen es schlicht und ergreifend nicht. Wir wissen, was wir im Leben wollen, wissen, dass wir zusammengehören, und nur das zählt. Okay, ich hab da vielleicht ein kleines Symbol der Zusammengehörigkeit mal gekauft und er hat gelacht, es kitschig und klischeehaft genannt, das war … nicht nett. Dennoch trägt er es heute um den Hals, an einer Kette, was für mich vollkommen okay ist, denn es ist wie vieles in unserer Beziehung...  ein Kompromiss. Einer von der guten Sorte, denn ich weiß, dass er drauf steht, auf dieses simple, aber offensichtliche Zeichen, dass er zu mir gehört. Das hat er natürlich nie gesagt, aber ich weiß es, jedes Mal, wenn er wie jetzt so sanft lächelt und den Ring um seinen Hals berührt.

"Frohes neues Jahr, Babe", flüstere ich leise und küsse ihn. Einfach so, weil ich es kann, weil ich es genieße und ja, vielleicht auch ein bisschen, weil ich darauf stehe, hier - vor all diesen Fremden - klarzustellen, zu wem er gehört. Er lacht, als er sich aus dem Kuss löst und ich die Tatsache, dass wir Sauerstoff zum Überleben brauchen, mal wieder verfluche.

"Du weißt schon, dass es bis dahin noch ein paar Stunden sind?" Seine gehobene Braue lässt mich schief lächeln und ich zucke die Schultern.
"Ich war schon immer ein Rebell und du … oh holde Liebe meines Lebens … kannst ein ganz schöner Erbsenzähler sein." Ich lache, weiche seinem Schlag aus, der von einem umwerfenden Lachen begleitet wird und schnappe mir den Schlitten, denn wir werden bereits sehnlichst vermisst. Außerdem freue ich mich darauf, mit ihm diesen Berg hinunter zu rasen, denn irgendwie scheint mir das recht passend für unser ganzes gemeinsames Leben … aufregend und zusammen!

 
Teil 4 - More than I asked for (Alexander)

"Wir müssen raus … in 10 Minuten ist's 24 Uhr!" Max springt nach einem Blick auf seine Uhr vom Stuhl, als wären die Vandalen hinter ihm her. Allerdings war das scheinbar ein allgemeiner Startschuss, denn wenige Sekunden später stehen wir alle dick eingepackt in unsere Winterjacken und -schuhe, Schals und Handschuhe draußen und erwarten das neue Jahr. Ich hab mich zwar erst noch ein wenig gesträubt, dem Welpenrudel, in das sich meine Freunde plötzlich verwandelt hat, zu folgen - schließlich hatte ich mir gerade erst ein Bier geöffnet - aber Niks bettelndem Blick hab ich einfach nichts entgegen zu setzen. Und das weiß diese kleine Mistkröte auch. Es ist unfassbar, wie schnell Nik es schafft, mich um den kleinen Finger zu wickeln. Ein bittender Blick und ein bisschen anschmiegsames Getue und schon ist es um mich geschehen. Noch schlimmer sind nur Tränen, aber so ein Typ ist mein Flamingo nicht. Er würde niemals Tränen einsetzen, um mich zu manipulieren. Überhaupt … ich hab Niklas in all der Zeit, die wir uns kennen bisher nur ein einziges mal weinen sehen und das war, als wir zum ersten Mal ins Tierheim sind, um uns nach einem Hund umzusehen. Er hat den kleinen, verwahrlosten Kerl gesehen und schon war es um ihn geschehen. Und ich … ich wusste, dass wir unseren neuen Mitbewohner gefunden hatten. Anfangs hatte ich Bedenken bzgl. eines Hundes, da ich Rambo nicht überfordern wollte, aber was soll man schon gegen einen bettelnden Flamingo machen, der mir verspricht, dass er sich ganz doll um Rambo kümmern wird. Und was soll ich sagen? Mein Mann hat es geschafft, dass die beiden einträchtig zusammen auf der Couch kuscheln. Ein Bild zum Verlieben, wenn man bedenkt, dass normalerweise der Hund größer ist als die Katze. Aber was ist in unserem Leben schon normal? 

"Alex? Kannst du mir mal helfen?", reißt mich Lu aus meinen Gedanken und steht mit einem Arm leerer Weinflaschen vor mir, die ich ihm gleich mal abnehme. Ich weiß zwar noch nicht, was er damit anfangen will, aber er wird mich sicherlich gleich erleuchten. "An was hast du gerade gedacht?"

"An Romeo." 

"Ach … und er ist der Grund für dein verliebtes Lächeln?" 

"Ich hab nicht verliebt gelächelt!"

"Hast du wohl!"

"Halt die Klappe und sag mir lieber, was ich mit dem Kram hier machen soll. Auf Weinflaschen gibt es keinen Pfand musst du wissen." 

"Pfand? Du sollst die Teile in den Schnee eingraben. Das werden Startrampen für unsere Raketen", erklärt er mir mit einem Augenrollen, als wäre ich schwer von Begriff. Ich stehe da wie festgewachsen und beobachte Lu dabei, wie er die nächsten Flaschen aus dem Schuppen holt. Das scheint wirklich sein ernst zu sein. Eigentlich hatte ich einen Augenblick gehofft, er würde mich  nur verarschen wollen, aber … ich habe mich getäuscht. Mit einem Kopfschütteln beginne ich die Flaschen in den Schnee zu drücken, damit mein Freund seine "Startrampen" hat.

"Nicht brummeln, mein Brummbär." Ich brumme nur noch mehr, als sich Nik's Arme von hinten um meine Taille schlingen. Aber dieses Brummen zeugt von Wohlgefallen. 

"Aber … ich glaub für Lu war das Fondue ein bisschen zu heiß. Als könnte man die Raketen nicht einfach in den Schnee stecken …", knurre ich, während ich mich zu meinem Mann umdrehe. Schön sieht er aus. Mit roten Wangen, roter Nase, einer Wollmütze tief in die Stirn gezogen, dick in seinen Parker eingepackt und einem glücklichen Funkeln in den Augen sieht er mich an. Fest drücke ich ihn an mich, was ihn nur noch glücklicher strahlen lässt. 

"Weißt du eigentlich, wie sehr ich dich liebe?"

"Hmm … vielleicht … solltest du auf Nummer sicher gehen und es mir noch einmal verraten?!"

"Meinst du? Wirklich? Ich glaub, ich zeig es dir lieber." Und schon landen meine Lippen auf seinem Mund. Sachte küsse ich meinen kleinen Flamingo, leckte über seine kalten Lippen, bis er mir mit einem Wimmern Einlass in seine warme Mundhöhle gewährt. Das Geräusch sorgt dafür, dass ich alles um uns herum ausblende, den Kuss vertiefe und all meine Gefühle hinein lege. 

Niemals hätte ich geglaubt noch einmal so lieben zu können, wie ich Martin geliebt habe, aber wenn ich ehrlich bin … meine Liebe zu Niklas geht tiefer, ist gefestigter. Vielleicht liegt es daran, dass ich heute älter bin, weiß was ich will, was ich hatte und was ich jetzt habe. So sehr ich Martin geliebt habe, so waren wir rückwirkend betrachtet doch wahnsinnig unterschiedlich. Wir waren so jung, als wir uns verliebt haben und irgendwann … ja, heute kann ich es ohne schlechtes Gewissen zugeben, irgendwann haben wir uns wohl auf unserem Alltag, unserem Gefühl der Zusammengehörigkeit und der Wärme der Vertrautheit ein wenig ausgeruht. Es war keine Leidenschaft mehr da, nur noch wohlige Wärme. Nicht, dass das schlecht gewesen wäre. Oh nein. Ich hab mich geborgen und geliebt gefühlt, hatte ein Zuhause und wusste, dass immer jemand da ist, der mich auffängt. 

Mit Niklas ist das Leben aufregend, spannend und an Leidenschaft fehlt es wahrlich nicht. Wir unternehmen so viel zusammen und mein kleiner Flamingo ist so unsagbar hungrig auf das Leben. Es klingt vielleicht dämlich, aber er hält mich jung, reißt mich immer wieder mit und ich hechele manchmal wortwörtlich hinter ihm her. Aber ich will und werde ihm, so gut es geht, alles ermöglichen. Er hat so viel entbehren müssen, da werde ich ihm ganz sicher keine Stein in den Weg werfen. Wir waren sogar zusammen in Paris. Allerdings hat ihm die Stadt nur halb so gut gefallen wie Martin. Tja, Niklas will auch Lehrer werden und kein Architekt. 

Aber ich habe mein Versprechen eingelöst und habe ihn Nanette und ihrer Familie vorgestellt. Es war ein toller Tag und Niklas hat sie alle, wie immer, innerhalb kürzester Zeit mit seinem Strahlen und seiner fröhlichen Art um den Finger gewickelt. Es ist immer wieder faszinierend für mich ihn dabei zu beobachten wie er das Leben in sich einsaugt. Und immer wenn sein Lächeln mir gilt, fühle ich mich als würde ich von der Sonne geküsst. Es breitet sich eine Wärme in mir aus, die nur von Niklas Liebe zu mir stammen kann. Und dass er mich liebt, dass sehe, spüre und höre ich in allem, was er tut und sagt. Ich weiß zwar immer noch nicht, womit ich seine Liebe verdient habe, aber ich werde den Teufel tun und mich darüber beschweren. Irgendjemand hat beschlossen, dass ich gleich zwei Mal im Leben meine große Liebe finden durfte und ich habe mittlerweile verstanden, dass ich beide lieben darf. Jeden auf seine Art. Martin wird immer ein Teil von mir sein, aber er ist meine Vergangenheit und Niklas ist meine Zukunft. 

 

Nur langsam komme ich wieder im Hier und jetzt an. Unsere Freunde liegen sich bereits jubelnd in den Armen, wünschen sich ein Frohes Neues Jahr. Helle Lichter explodieren am Himmel und Schneeflocken rieseln auf uns herab. Ich versinke in Niklas blauen Augen und küsse seine Nasenspitze, als mich plötzlich ein Schneeball am Rücken trifft. Ein Blick über die Schulter bestätigt meine Vermutung und ich knurre "Irgendwann bringe ich ihn um!"

"Ach was … dafür liebst du ihn viel zu sehr", widerspricht mir Niklas und bückt sich blitzschnell um nun seinerseits Max mit einem Schneeball zu treffen. Innerhalb kürzester Zeit ist eine epische Schlacht im Gange. Nur Falk und Tina sehen dem Geschehen vom Rand aus zu. Da kann man Falk noch so oft sagen, dass seine Frau schwanger und nicht krank ist. Er geht kein Risiko ein und trägt sie auf Händen. Irgendwie macht ihn das nur noch sympathischer, auch wenn Tina desöfteren sichtlich genervt ist. 

Einige Zeit später sitzen wir alle total durchgefroren, aber glücklich um unseren riesigen Esstisch herum und erheben die Sektgläser. Sogar Tina wurde von ihrem Falk ein kleiner Schluck zugestanden. 

"Frohes Neues Jahr!", wünschen wir uns gegenseitig und die Gläser erklingen beim Anstoßen in hellen Tönen. 

"Und nun … was sind eure guten Vorsätze fürs neue Jahre und was wünscht ihr euch?" Allgemeines Aufstöhnen folgt auf meine Frage, aber ich lasse mich nicht abwimmeln. Ich bin wirklich daran interessiert, wie das Leben meiner Freunde aussieht. "Jetzt kommt schon, stellt euch nicht so an."

"Dann fang ich an." Tina ist meine Rettung. "Ich hab mir vorgenommen, die beste Mutter der Welt zu werden und ich wünsche mir, dass unser Baby gesund und munter auf die Welt kommt. Ach und … ich versuche, mehr Geduld für Falk und sein Gluckenverhalten aufzubringen." 

"Noch mehr?", fragt Jo zweifelnd, während sie kichert und Falk wirft ihr einen Blick zu, als hätte sie gerade gesagt, sie wolle sich in Zukunft von Insekten ernähren. 

"Ey du Arsch!" Jo fliegt ein übrig gebliebenes Brötchen vom Essen an den Kopf und landet vor ihm auf dem Tisch. Ein kurzer verdutzter Blick und schon schnappt er sich das Teil und beißt herzhaft hinein. 

"Ich wünsch mir auch ein gesundes Kind und dass Tina alles gut übersteht, auch wenn sie manchmal ein echtes Scheusal ist", brummelt Falk, kann dann sein Lächeln aber doch nicht länger unterdrücken und küsst seine Liebste auf die Wange, was laute Buhrufe mit sich bringt. 

"ICH wünsche mir einen Lottogewinn! So einen richtig großen, nicht nur 5,80 € oder so. Ihr wisst schon … ausgesorgt für den Rest des Lebens", ruft Max in die Runde und wackelt mit den Augenbrauen. 

"Das ist ein verdammt guter Wunsch Kumpel." Niklas klopft ihm brüderlich auf die Schulter, bevor sich ein kleines fieses Grinsen auf seinen Lippen ausbreitet. "Du müsstest dann nur dem lieben Wünscheerfüller auch eine Chance geben und dir mal einen Tippzettel  besorgen." Und wieder liegt der ganze Tisch fast vor lachen auf dem Boden. So ist er mein Neffe, immer für einen Lacher gut. Und zum Glück nimmt er sich selbst nicht so ernst und kann befreit mitlachen. 

"Ich wünsch mir, dass wir weiterhin so viel Erfolg haben wie bisher und dass die weiblichen Groupies nie versiegen." Den verletzten Blick, den Lea Jo zuwirft kann man leicht übersehen. Sie hält sich wacker. Ich weiß nicht, ob sonst noch jemand weiß, dass Lea heimlich in den Leadsänger verknallt ist. Ich weiß es nämlich auch nur deshalb, weil Miro sich mit Niklas darüber unterhalten hat, wie man dem armen Mädel helfen könnte. Ich hab mich das wohlweislich raus gehalten. Ich bin ganz sicher kein guter Verkuppler. Allerdings bin ich mir verdammt sicher, dass auch Lu nicht von der Schwärmerei seiner kleinen Schwester weiß. Wo feinfühlig wie er bei Miro ist, so ein Trampel kann er nämlich auch in sonstigen Belangen sein. Man darf auf jeden Fall gespannt sein, wie sich diese Geschichte noch weiter entwickelt. Für den Moment lehnt sich Miro unauffällig ein wenig näher zu Lea, küsst sie leicht auf die Wange und flüstert ihr etwas zu. Ziemlich ungewöhnlich für Miro, der normalerweise versucht, jegliche Berührungen zu vermeiden, außer natürlich mit Lu. Daran erkennt man wohl, wie sehr er seine Schwägerin mag. Auf jeden Fall scheint er genau das richtige gesagt zu haben, denn ein Ruck geht durch Lea und sie wendet ihren Blick von Jo zu ihrem Bruder. 

"Mein guter Vorsatz ist, weiterhin ein glücklicher und guter Mensch zu sein. Meinem Bruder noch ein paar graue Haare zu bescheren und ... naja, ich wünsche mir, dass meine ganze Familie gesund bleibt."

"Bezüglich der grauen Haare, darfst du dich ruhig vertrauensvoll an Max wenden. Der hat das perfektioniert. Ich wundere mich, dass ich überhaupt noch welche auf dem Kopf hab", werfe ich ein und streiche mir durch die Haare. Meine zu kurzen Haare, wie Niklas nicht müde wird, mir aufs Brot zu schmieren. Von Max ernte ich allerdings nur einen erhobenen  Mittelfinger, was wieder mal alle zum Lachen bringt. Überhaupt waren die letzten Tage sehr unbeschwert. Es gab keinen Krach oder Zickereien und wir haben verdammt viel gelacht. Auch ein paar Ernste Gespräche waren bei dem ein oder anderen darunter, aber im Großen und Ganze haben wir alle die paar Tage Auszeit hier wirklich genossen und der nächste Urlaub ist schon in Planung.  

"Und was hast du dir vorgenommen fürs neue Jahr, Marvin", dringt Miros Stimme in meine Gedanken. 

"Ich hab keine guten Vorsätze." 

"Ach, komm schon, Marvin … irgendwas gibt es doch immer", fragt nun auch Lu, neugierig geworden, nach.

"Also wenn, dann würde ich mir auch eher was wünschen ... nämlich, dass alles so bleibt wie es ist." Und das ist wieder so typisch Marvin. Da sitzt er, hat eigentlich ein ziemlich liebloses Zuhause, keine Partnerin, oder vielleicht auch Partner und fühlt sich doch pudelwohl in seiner Haut. Er ist einfach so wahnsinnig bescheiden und ist mit seinem Leben zufrieden. Manch einer hält Marvin für dumm, zurückgeblieben, oder einfach nur naiv. Ich finde er ist verdammt klug und wir sollten uns alle mal eine Scheibe von ihm abschneiden. Plötzlich ist irgendwie eine seltsame Stille am Tisch eingekehrt, als würden wir alle über Marvins Worte nachdenken. Lu ist es, der dann die Stille durchbricht und die Stimmung wieder hebt. 

 

"Mein guter Vorsatz ist es meinen Mann so sehr zu verwöhnen und zu umsorgen, dass er nicht länger glaubt ohne meine Mom verhungern und ohne meine Familie vereinsamen zu müssen." Oh ja, wir alle kennen das Dilemma in dem die beiden stecken und insgeheim lachen wir alle darüber. Auch wenn es im Grunde, wenn man über Miro Bescheid weiß, gar nicht zum Lachen ist. Lukas würde gerne endlich zu Hause ausziehen, in eine eigene Wohnung. Wer kann ihm das verübeln. Es ist ja ganz schön im Hotel Mama, aber irgendwann, will man ja dann doch mal aus dem Wirkungskreis der Eltern raus, vor allem, wenn man einen festen Partner hat und die Zweisamkeit genießen will. Aber Miro … der will da einfach nicht weg. Er fühlt sich verdammt wohl bei den Keller's und hat endlich die  Familie, die er so lange entbehren musste. Ich kann sie beide verstehen und habe schon einige Gespräche mit Lu darüber geführt. Am Ende müssen die beiden das aber ganz allein miteinander ausmachen. 

"Ok, dann wünsche ich  mir fürs neue Jahr, dass du lernst zu kochen, wie deine Mutter. Dann sehen wir weiter … " Mehr braucht Miro wohl nicht zu sagen, um deutlich zu machen, dass an einen baldigen Auszug nicht zu denken ist. Denn wenn Lu eines nicht kann, dann ist es kochen.

"1:0 für Miro. Sorry, Kumpel." Bedauernd klopfe ich Lukas auf die Schulter, der geschlagen den Kopf aufs Brustbein sinken lässt. Allerdings nicht, ohne noch ein "Wozu gibt es schließlich Lieferdienste und meine Mutter wäre ja auch nicht aus der Welt." zu knurren. 

"Aha… du willst also ausziehen und endlich auf eigenen Beinen stehen, wie du es immer so schön betonst, aber Mutti soll immer noch schön weiter für uns kochen?" Miro legt fragend den Kopf schief und hebt eine Augenbraue. Ooooooh Kumpel, nun solltest du dir gut überlegen, was du sagst, schießt es mir nur durch den Kopf und ich halte unwillkürlich die Luft an. 

"Nein, natürlich nicht, aber das ist doch dein größtes Problem … weg von der Familie und ich verstehe es, aber wir müssen ja nicht gleich ans andere Ende des Landes ziehen. Ans Ende der Straße würde mir ja schon genügen." Lu rollt mit den Augen, immerhin ist das eine never ending Story. 

"Ja aber … was ist dann mit Bella, wir können sie doch nicht einfach zurücklassen. Und was ist mit unserem tollen Dachfenster, wo du mir immer die Sterne erklärst, und unserem kleinen Balkon, auf dem wir schon so viele Sommernächte verbracht haben und unser kleines, gemütliches Wohnzimmer. Ich weiß nicht, warum du überhaupt weg willst. Wir sind so selten zu Hause, da wäre es einfach rausgeschmissenes Geld für eine Wohnung zu bezahlen."  

"Wir reden ein anderes Mal drüber." Na klasse … und ist die Stimmung zwischen den beiden mal wieder verrutscht. Aber es ist nicht das erste Mal, dass dieses Thema bei ihnen zu Streitigkeiten führt und niemand von uns kann ihnen aus dieser Misere helfen, als stubse ich Nik leicht an, um die plötzlich Stille zu durchbrechen. 

"Und du? Was sind deine Wünsche und Vorsätze?" 

 

"Och … ich hab ja eigentlich alles was ich will. Wunschlos glücklich könnte man sagen. Meine Vorsatz ist daher der gleiche wie letztes Jahr … mein Leben in vollen Zügen genießen und dich dabei auf Trab zu halten."

Und schon ist die kurzzeitig eingekehrte peinliche Stille Vergangenheit und wir lachen alle laut los. Naja, alle außer mir, denn ich stöhne nur und fasse mir theatralisch an den Kopf, was alle nur noch lauter lachen lässt. Ich weiß, dass mein Flamingo seinen Vorsatz ohne zu zögern in die Tat umsetzen wird. 

"Jetzt bist du aber dran, Alex. Wir haben schließlich alle blank gezogen." Jo blickt mir herausfordernd entgegen und erwartet wohl, dass ich kneife. 

"Ich hab mir vorgenommen, weniger zu arbeiten, damit mein Mann noch mehr Zeit hat, mich auf Trab zu halten und mir graue Haare wachsen zu lassen und ich wünsche mir, dass Niklas seine Pläne, den Führerschein machen zu wollen, fallen lässt. Das wäre für uns alle sicherlich besser."

"Hey, was willst du mir denn jetzt bitte damit sagen?", fragt mich Nik entrüstet, während alle anderen in schallendes Gelächter ausbrechen. Alle, bis auf … Miro seltsamerweise.  Der nickt mir wissend zu, bevor er sich an seinen Mann kuschelt, der auch gleichen einen Arm um ihn legt. 

"Gar nichts Liebling, gar nichts", erwidere ich und ziehe meinen Flamingo in einen innigen Kuss. 

 

Und wieder habe ich nicht den passenden Augenblick gefunden, um ihm den Ring, der seit Tagen ein Loch in meine Hosentasche brennt, an den Finger zu stecken. 

 
Das übliche Blabla und Gewinnspiel  (B.B. und Anke)
So meine Lieben,

das war es auch schon mit dem Ausflug ins Winter Wonderland und den kleinen Einblicken in das Leben unserer Jungs und natürlich Mädels. Wir hoffen Ihr hattet Spaß und sie konnten euch die Vorweihnachtszeit ein wenig versüßen?! Uns hat es in jedem Fall verdammt viel Spaß gemacht sie alle noch einmal wiederzusehen und es war auch ganz bestimmt nicht das letzte Mal. 


Wie versprochen könnt ihr natürlich auch noch etwas gewinnen und zwar einen Preis eurer Wahl.
Was Ihr tun müsst? Gebt uns per Mail, über die Kommentarfunktion im Gästebereich oder gerne auch bei Facebook eine Rückmeldung wie ihr das Wiedersehen fandet.

Beginn der Aktion ist natürlich jetzt sofort.

Zeit uns ein paar Worte zu tippen habt ihr bis zum 2. Weihnachtstag. Abends pünktlich um 23.59 Uhr schließen wir die Pforten und losen dann nach Weihnachten aus. 

Die Person, die gewinnt, hat die freie Wahl. Einziehen kann dann ganz nach Wunsch ein eBook, ein Taschenbuch, oder auch eine Tasse von Faith oder Heartbeat.

Jetzt kommen aber erst einmal die letzten Tage des Jahren, für die wir euch von ganzem Herzen eine besinnliche Weihnachtszeit wünschen. Egal wie ihr feiert, denkt immer daran, das Wichtigste sind die schönen Stunden mit euren Lieben, seien sie nun direkt an eurer Seite, oder fest in euren Herzen. 

Fürs neue Jahr wünschen wir euch nur das aller Beste und mögen eure Wünsche, Träume und Hoffnungen in Erfüllung gehen. Ja, das klingt abgedroschen, aber man sollte die Hoffnung dennoch nie aufgeben und hey ... wenn Ihr das neue Jahr gebührend in Empfang nehmt, dann kann da sicher nichts schief gehen. 

Das war es wohl! Uns bleibt in diesem Jahr nicht mehr viel zu sagen, außer DANKE!
Danke, dass so viele von euch auch Heartbeat ein Zuhause gegeben haben, für all die Resonanz auf unsere Bücher und den Spaß den wir zusammen hatten. Es war ein tolles Jahr für uns, mit so einigen Highlights, von denen wir noch lange zehren werden und wir hoffen, dass das neue Jahr daran anknüpfen kann.

Schöne Feiertage und einen guten Start ins neue Jahr wünschen euch

eure B.B. und Anke

 

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